Keine Farbenlehre ohne Goethe
Weiterführende Literatur zum Thema Goethes Farbenlehre gibts hier.
Johann Wolfgang Goethe beschäftigte sich seit 1791 (und schon vorher) mit der Farbenlehre, und brachte 1810 sein Buch "Zur Farbenlehre" heraus. Im Prinzip gründet sich Goethes Farbenlehre auf den Referenzsystemen von Aguilonius, Waller, Newton, Runge, Chevreul und Bezold. Ja, damals haben sie noch ordentlich recherchiert... Jedenfalls basiert die Farbenlehre von Goethe auf den drei Grundfarben Gelb, Blau und Rot.
Goethe präsentiert uns ein rundes Diagramm, in welchem sich seine drei Primärfarben Gelb, Blau und Rot mit den Sekundärfarben Orange, Violett und Grün abwechseln. Er weist der Farbe Rot die höchste Stelle in seinem Farbenkreis zu, während die Farbe Grün die niedrigste einnimmt. Als Plus-Seite bezeichnet Goethe die Hälfte des Farbkreises, die von Grün ober Gelb nach Rot verläuft. Die andere Hälfte bezeichnet er als Minus-Seite.
Goethe versuchte mit seinem System, jenes von Newton zu überwinden bzw. zu erweitern und widmete seine Aufmerksamkeit der "sinnlich-sittlichen" Seite der Farben. Er wollte also die Ästhetik, vom Blickwinkel der Kunst aus gesehen, systematisieren. Goethes Konzept umfasst Ausdrücke wie mächtig, sanft und glänzend.
Johann Wolfgang Goethe geht seine Farbenlehre an, um etwas über den menschlichen Geist "im Kleinen" herauszufinden, zumindest schrieb er so ähnlich in einem Brief an Humboldt 1798. Er versuchte, alle Zweige der damaligen Naturlehre in sein Werk miteinzubeziehen, um eine "vollkommenere Einheit des physischen Wissens" zu erreichen. Auf einer Reise durch Italien ist ihm erstmals aufgefallen, wie chaotisch die damaligen Künstler ihre Farbenlehre verstanden. Zwar waren Begriffe wie kalte und warme Farben, sowie Farben die "einander heben" durchaus gebräuchliche Begriffe (und sie funktionierten auch, nicht umsonst sind die Bilder der alten Meister immer noch unangefochten), aber für den ordnungsliebenden Goethe war das Durcheinander des Wissens um die Farben ein Grund, etwas dagegen zu unternehmen. Sein erstes Werk zur Farbenlehre entstand 1791, "Beiträge zur Optik".
Goethes Ansatz: die Komplementärfarben Gelb und Blau
Goethe geht, anders als Newton, zuerst von Hell und Dunkel aus. Als reinste Farben bezeichnet er Gelb und Blau. Und da Gelb "zunächst am Licht" und Blau "zunächst an der Finsternis" liegen, gruppiert er die restlichen Farben um diese beiden Gegenpole.
1793 erweitert er die beiden Farben um eine weitere, den zunächst als Purpur bezeichneten Farbton Rot. Dadurch skizziert Goethe ein Dreieck. Das Rot bezeichnet er als höchste Steigerung der von Gelb nach Blau führenden Farbenreihe, und stellt ihm Grün als Komplementärfarbe gegenüber (die Mischung aus Blau und Gelb). Dem Blau gegenüber stellt er die Mischung aus Gelb und Rot, Orange. Komplementär zu Gelb wird die Mischung aus Blau und Rot, also Violett gestellt.
Die Wirkung der Farben nach Goethe
Nach und Nach erweitert Goethe seinen Farbenkreis um Assoziationen. Zuerst wird der Teil von Gelb zu Rot (warme Farben) als Plus-Seite, und der kalte Teil als Minus-Seite bezeichnet.
Mit der Farbe Gelb wird Wirkung, Licht, Helligkeit, Nähe, Abstoßung und Wärme assoziiert.
Blau hingegen bedeutet Anziehung, Ferne, Kälte, Beraubung, Schatten, Dunkelheit und Schwäche.
So erweitert Goethe seine Farbenlehre also in den Bereich der Farbpsychologie. Die Wirkung der Farben auf der Plus-Seite beschreibt er als lebhaft, strebsam und anregend. Gelb macht einen behaglichen Eindruck, wirkt prächtig und edel. Die Farben der Minus-Seite hingegen stimmen weich und sehnend, sind eher unruhig und geben uns ein Gefühl der Kälte.
Durch diese Einteilung nach den Aspekten der "sinnlich-sittlichen Wirkung" der Farben nähert sich Goethe seinem Ziel an, die chaotische Ästhetik der Farben in Ordnung zu bringen.
Letztendlich sind Gelb, Orange und Purpur mächtig und glänzend, während Blau und seine Nachbarn die Sanftheit verkörpern. Ein Gleichgewicht der Farbgestaltung kann demnach sowohl mächtig als auch sanft sein.
Die Arbeit, die Goethe in seine Farbenlehre investiert hat, ist gemeinsam mit anderen Werken zu dem Thema (wie Newtons Farbenlehre, die Goethe zwar ablehnte, die sich aber prächig mit seiner ergänzt), ein wichtiger Bestandteil moderner Farbtheorien.
